Willkommen in der Wiesenburg
Zweimal war ich Gast in der Wiesenburg. Gelangweilt habe ich mich bei keinem der beiden Male, vielleicht ein wenig gewundert und auch gestaunt. Einmal führte mich eine Dame spontan durch die imposante Ruine. Ich hatte dabei das Gefühl, etwas Wichtiges entdeckt zu haben, bedeutende Schritte zu machen.
Einmal traf ich Joe.
Joe, der eigentlich Joachim Dumkow heißt, hat eine Wohnung, in die ich sofort einziehen würde. Eine hübsche Filmsammlung, Schallplatten und Kunst an den Wänden. Altbau im Wedding. Joe ist zu beneiden. Er lebt inmitten dieser schaurig-romantischen Filmkulisse (”Lili Marleen”, “Die Blechtrommel”), dreht kleine Videos, schreibt Gedichte und plant Kulturevents, zu denen er sich gern einige Freunde mehr einlädt. Platz hat er ja, ein verwunschenes Grundstück mit historischer Restbebauung, 12000 Quadratmeter groß.
Von Joe erfuhr ich von Berliner Asyl Verein für Obdachlose, dem 1896 eingerichteten Obdachlosenasyl am Panke-Ufer (bekannt als Wiesenburg), von bedeutendenen Gründervätern (unter ihnen Rudolph Virchow) und intensiver Nutzung des Geländes (30.000 Übernachtungen allein in den ersten zwei Jahren).
Joe ist nett, servierte Kaffee, zeigte mir ein Video vom letzten Sommerfest und fasste die Geschichte der Wiesenburg zusammen und lieh mir sofort die Chronik aus, die er bald als Büchlein veröffentlichen möchte. Er beantwortete meine Fragen, doch eine Frage nahm ich unbeantwortet mit nach Hause: Warum schläft das Denkmal Wiesenburg in der Halböffentlichkeit. Ich, die den ebenfalls denkmalgeschützten Alten Gutshof in Strausberg mit zum Leben erweckte, bin begeistert und träume sofort von Kulturprogrammen und öffentlichem Leben gleich um die Ecke, von tollen Open-air-Konzerten, Freiluftkino in der Ruine, Tanz im Denkmal und und und. Machen die Wiesenburger nicht. Sie öffnen die Tür nicht jedermann. Wir, der Mit-Weddinger und ich, rätseln gemeinsam warum die Wiesenburger auf den ersten Blick etwas öffentlichkeitsreserviert sind. Wir finden keine schlüssige Erklärung. Gefragt haben wir Joe nicht.
Man ahnt nicht, was sich hinter dem Zaun mit dem Hinweis “Privatgelände” verbirgt. Wenn man sich der Wiesenburg nähert, gelangt man an die Grenze der Öffentlichkeit, weil die Wiesenburger nicht öffentlich sein wollen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht gastfreundlich sind. Ganz im Gegenteil. Und ich käme gern einmal wieder.
Wiesenburg, Wiesenstraße, Berlin-Wedding
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