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Zu verschenken
Von Planet Wedding | Dominique | 10. April 2008Ich habe ein Trauma: Ich steige in keinen Fahrstuhl. Seitdem ich irgendwann in den 80ern diesen Film mit Götz George (“Abwärts”) gesehen habe, in dem der Elevator in aufreibenden 83 Filmminuten genüsslich abgestürzt wurde und die Akteure im Fahrstuhlschacht um ihr Leben kletterten, steige ich Treppen. Ich klettere zu Freunden in den 5. Stock (oder höher), ich warte unten, wenn Gäste die Aussicht vom Fernsehturm genießen. Ist ja überhaupt gesünder. Ich bin ja nicht faul. Diese ganzen Schlaffies! Treppensteigen ist gut für die Venen.
Seit ich im Wedding wohne, bin ich keine Treppe mehr gestiegen. Jedenfalls nicht in meinem Haus. Der Grund ist einfach: die Neugier ist größer. Der Fahrstuhl in meinem Haus ist nämlich eine Schatzkiste. Ich rufe ihn manchmal einfach nur, um zu sehen, was der große Ozean heute vor meine Füße spült. Neulich zum Beispiel war es ein große Kiste mit Videos. “Zu verschenken” stand in zittrigen Buchstaben drauf. Am ersten Tag traute ich mich noch nicht, mir den Inhalt anzusehen. Am zweiten stöberte ich ungeniert zwischen den gesammelten Aufzeichnungen eines ehemalige Videomanics. Am Ende habe ich keine Kassette in meine Sammlung aufgenommen, zu beliebig war der Geschmack des Spenders. Wie ein Spielfilmabend auf SAT.1. Aber die Idee begeisterte mich: Meine Nachbarn werfen ihr Hab und Gut nicht einfach weg, sie schicken es mit dem Fahrstuhl in ein neues Leben.
Als der weiße Stöckelschuh auftauchte, wunderte ich mich schon nicht mehr. Zwei Tage lang fuhr er hoch und runter und ließ mich mehrmals am Tag darüber nachdenken, wie ein einzelner Damenschuh in einen Weddinger Fahrstuhl geraten ist. Ich habe keine plausible Antwort gefunden. Es war ein rechter Schuh mit Riemchen, Größe 38. Er passte mir nicht. Er fuhr hoch und runter, und dann hat ihn Aschenputtel plötzlich abgeholt.
Seit gestern hängt ein Zettel im Fahrstuhl. Ein Nachbar sucht einen Nachmieter für seine 2 2/2-Wohnung mit 92 Quadratmetern. Eine Wohnung mit Aufzug wohlbemerkt!
Der Fahrstuhl ist das heimliche Kommunikationszentrum des Hauses. Ein Ort der guten Gesten, ein Tauschmarkt, ein Plädoyer für Nächstenliebe, Faulheit (der Müllplatz ist echt weit weg), Recycling und französische (oder eher türkische?) Lebensart. Ich werde einen Teufel tun, die langweilige Treppe zu nehmen!
Themen: Ankommen | 3 Comments »
Tags: berlin, berlin-wedding, fahrstuhl, wedding
15. April 2008 um 14:46
vielleicht sollte man einen videorecorder dazustellen und schauen was passiert.
19. April 2008 um 10:36
Da braucht man keinen Supermarkt mehr. Obwohl die in Supermärkten ja jetzt auch langsam alle Schwarzen Bretter abhängen. Bei uns hängt zum ersten Mal seit Jahrzehnten keines mehr – stattdessen ist dort der neue Leergutautomat…
29. April 2008 um 17:01
Fahrstuhl oder Twitter? Wofür soll ich ich entscheiden? Immerhin, Twitter hätte den Vorteil, es ließe sich in diesen Blog einbauen. Der Fahrstuhl hätte andere Vorteile, die zu testen wären.