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Sieh da, ein Seepferdchen!
Von Planet Wedding | Dominique | 25. April 2009Dienstags steht Modern Social Science auf dem Stundenplan und ich gehe zur Mittellangzeitstudie ins Restaurant Seepferdchen am Kombibad in der Seestraße. Ich bestelle mir eine heiße Schokolade mit Sahne und freue mich als erstes über die Sahne. Denn die verdoppelt hier glatt die Menge des Kakaogetränks.
Die Herrschaften hinterm Tresen sind nette Leute. Sie bitten mich zu Tisch, auch wenn ich vor der Öffnungszeit komme und sie flirten stets mit dem mitgebrachten Sohnemann und haben nichts dagegen wenn er liegend einen ganzen Tisch blockiert, auch wenn es eigentlich ein Spielecke für ihn gäbe.
Würde das Servierpersonal hinter seinem Tresen stehend geradeaus schauen, sähe es das Treiben in der Schwimmhalle. Es sähe badende Väter, planschende Mädchen und Kinder, die sich im Schwimmkurs um das Seepferdchen bewerben. Doch die Damen und Herren, die bei Ersan in Lohn un Brot stehen, sehen nicht geradeaus. Sie servieren Belohnungs-Pommes, Milchkaffee und Heiße-Schokolade-mit-Sahne.
Die Restaurant-Mitarbeiter ignorieren das ewig gleiche Plansch-Programm. Ich schaue auch nur selten durch die große Scheibe ins Schwimmbad, wenn, dann nur, um die Erfolge des kleinen Mädchens mit dem rosa Badeanzug nicht zu verpassen. Eigentlich sehe ich mich im Restaurant um.
Dienstags ist Schwimmkurstag. Während die frischgebackenen Schulkinder im Becken das Brustschwimmen erlernen, sitzen ihre Mütter beim Milchkaffee im Restaurant. Sie stellen ihre kleineren Kinder in der Babyschale neben den Tisch, gruppieren sich um den Milchkaffee und winken gelegentlich durch die Scheibe. Ansonsten sind sie ins Gespräch verstrickt. Sie ballen sich zusammen zu Mama-Cliquen, die ihre Kinder-Auszeit bei Kaffee und Spinatkuchen genießen.
Ich falle immer etwas aus dem Bild. Mein einziger Gesprächspartner ist viereinhalb Monate alt und ich trinke die Schokolade nebenbei, während ich mich mit ihm über die Beobachtungen im Zwischenmenschlichen freue.
Neulich verlor ich den Status als unbeteiligte Beobachterin. Eine türkische Mutter bat mich um Wickelutensilien (die ich ihr gern gab). Und mit der Frau am Nebentisch entspann sich ein Gespräch. Sie wartete nicht auf ihr eigenes Kind. Sie war Familienbetreuerin und behielt ihren Schützling vom Seepferdchen aus gut im Auge. Plötzlich war ich mittendrin.
Ein Schwimmlehrer schlenderte zur Tür herein, wedelte bei der Mama-Clique mit den begehrten Seepferdchen-Zertifikaten, der einzelne Herr tippte wieder in seinen PDA, der Opa spendierte seinem süßen Enkel ein Kaltgetränk und eine ältere Spaziergängerin reichte dem verdutzten Kellner mit der größten Selbstverständlichkeit Pfandflaschen über den Tresen. Ich nehme an und schließe aus der Reaktion des Kellners, das Restaurant ist keine Pfandannahmestelle.
Es ist Leben im Restaurant am Schwimmkursdienstag. Und ich gehe gern hin und tue so als würde ich Sozialstudien betreiben. In Wahrheit will ich was sehen vom Weddinger Leben. Und wenn ich mal ganz übermütig werde, dann miete ich den Laden. Falls ich mal etwas zu feiern habe vielleicht. Nur nicht am Schwimmkursdienstag. Dann nun nicht.
Das Restaurant Seepferdchen am Kombibad Seestraße 80 hat täglich 10-21 Uhr geöffnet.
Themen: Ankommen | 1 Comment »
Tags: berlin, berlin-wedding, schwimmbad, wedding
8. May 2009 um 10:22
Du schwimmst im Leben, während andere nur baden.