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Herr Sch. oder: Eine Replik
Von Planet Wedding | Dominique | 10. May 2009“Ist das ihrs?”, wurde der Mit-Weddinger am frühen Morgen auf der Treppe von Herrn Sch. festgenagelt, mit strengem Blick. Nein, es war nichts seins. Auch nicht meins oder das der Kinder. Denn wir werfen keine Gegenstände vom Balkon. Kopfschüttelnd bekam ich den Treppenwitz serviert. So ein Blödmann. Der spinnt ja wohl!
Einmal, da pustete Kind Nummer eins voller Elan ins Instrument. Es dauerte nicht lange, da klingelte es an der Tür. Das Gewissen des Aufgangs informierte uns, dass dies gegen die goldene Regel sei. “So geht das aber nicht”, ließ er uns wissen. Schließlich sei das ein ordentliches Haus und er sei von der Hausgemeinschaft mit der wichtigen Aufgabe des Schlichters betraut worden. Sozusagen.
Als ich noch in der Kleinstadt wohnte, wurde ich von Herrn V. moraltechnisch betreut. Er inspizierte regelmäßig die Treppe, die wir selbst zu reinigen hatten und wies mich bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass ich nachlässig war in Sachen Hausputz. Einmal stand er mit einem gelben Kleidungsstück vor der Tür: “Ich nehme an, das ist ihrs”. War es nicht. Der gelbe Stoff hatte die von Herrn V. gefühlte maximale Hängedauer auf dem Wäscheboden überschritten. Aber wie gesagt, es war nicht meins. Spätestens als ich Herrn V. im Aufgang mit einem Walkie Talkie erwischte, in das er zischelte “zweite Etage o.k.”, verfluchte und bedauerte ich den Treppenterrier. Kurz vor meinem Umzug in Herrn Sch.’s Haus waren wir, Herr V. und ich, in einen knallharten Briefkrieg (über den Vermieter) verstrickt.
Im Online-Lexikon Wikipedia firmiert der Blockwart unter der Bezeichnung Blockleiter und hat seinen Ursprung im Nationalsozialismus. Ein Blockleiter war einst für 40 bis 60 Haushalte mit etwa 160 Personen zuständig. Endlich mal ein Job, bei dem sich die Arbeitsbedingungen stetig verbessert haben. Herr Sch. fühlt sich nur für zwölf Wohneinheiten verantwortlich, mein Ex-Herr-V. hatte nur acht Parteien zu betreuen.
Doch halt. Ich versteige mich. Ich ärgere mich, weil ich nie eine goldene Hausnummer erhalten wollte. Ich ärgere mich, weil ich auch mal nachlässig sein möchte. Weil ich wenig Zeit habe und keine Lust auf Gängelung durch Nachbarn. Doch halt. Der Nachbar hat recht: Man wirft keine Gegenstände vom Balkon, man wischt die Treppe ordentlich und man nimmt auch die Wäsche wieder ab. Weil man es schön haben will, da wo man wohnt. Man möchte nur nicht immerzu erinnert werden, dass das Leben auch aus Pflicht besteht, langweiliger Pflicht. Und man fühlt sich sofort an die Kindheit erinnert: wenn man den Müll nicht runterbringt, gibt es Stubenarrest …
Wie schnell kommt man mit den Nazis. Wie schnell sagt man: Blockwart. Und vergisst dabei, dass man wegen der aufmerksamen alten Herrschaften (die zumeist seit Errichtung der Häuser dort wohnen und eine Art ehrenamtliche Hausmeister sind) das Fahrrad unangeschlossen im Hof stehenlassen kann. Und, verdammtnochmal, dass sie recht haben.
Werde ich auch mal Blockwart? Ich werde auch mal Blockwart!
Für die Gegenrede empfehle ich die Lektüre von Mek Wito. Wie immer sehr erfrischend!
Themen: Vier von hier | 2 Comments »
Tags: berlin, berlin-wedding, blockwart, hausgemeinschaft, wedding
17. May 2009 um 09:46
Fürs erste würde doch auch HausmeisterIn genügen.
19. May 2009 um 08:14
weiß nicht, sich für haus und hausgemeinschaft verantwortlich fühlen, muss sich ja nicht zwingend kontrollneurotisch äußern – blockwart ist kein wirklich erstrebenswertes altersziel..
am besten, ein eigenes stadthaus bauen