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Irgendwann im Wedding

Von Planet Wedding | Dominique | 15. August 2011

An einem ganz normalen Tag im Brunnenviertel wird der kleine Laden an der Ecke verschwinden. Früh, zum Sonnenaufgang wird sich wie jeden Tag sich die Moschee mit der Aufschrift „Allahindir“ füllen, an der Ecke Brunnenstraße/Bernauer Straße wird sich der Autoverkehr im Berufsverkehr stauen, unser Nachbar wird den täglichen Gang zum grünen Bäcker absolvieren und mit Brötchen und Zeitung zurückkehren. Mittags werden Martha und Kathi im Café Freysinn versuchen, der Besucherschar von der Deutschen Welle Herr zu werden und die Glocken von St. Sebastian werden wie jeden Tag zum Gebet läuten. An diesem normalen Tag werden die Plakate der Vereine und Kiezinitiativen abgehängt, die Computer und Broschüren eingepackt, die Hundekotbeutel verstaut, ein Mann wird vielleicht mit wehmütigem Blick auf einer Leiter stehen und das Schild abmontieren: Stadtteilbüro. An diesem Tag, der sehr wahrscheinlich einer der ganz normalen Tage im Jahr 2013 sein wird, ist der letzte Euro aus dem Fördertopf ausgegeben, der für das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ zur Verfügung stand. Die Förderperiode der Europäischen Union, die das Programm zu Verbesserung der Situation in den Kiezen maßgeblich mitfinanziert, endet. Der Laden an der Ecke zieht aus.

Es wird ein normaler Tag sein, ganz unspektakulär werden die beiden Quartiersmanagements im Brunnenviertel (QM Ackerstraße, QM Brunnenstraße), die drei weiteren im Wedding und die insgesamt 34 Stadtteilläden in Berlin verschwinden. Die einst als Problemgebiete klassifizierten Kieze mit hoher (Jugend-) Arbeitslosigkeit, hoher Schuldnerquote, hoher Kriminalität, hohem Anteil von Nachbarn nichtdeutscher Herkunft werden ab dann ohne die Finanzspritze zur Selbsthilfe auskommen müssen.

In der Zeit nachdem die Quartiersmanager ausgezogen sind, wird sich zeigen, wie nachhaltig die Arbeit aller Beteiligten war. Steht das Familienzentrum auf sicheren Beinen? Wird der Bewohnertreff bleiben? Gibt es weiterhin Kurse für benachteiligte Kinder und Jugendliche, wird der Bildungsverbund Bestand haben? Wird sich die Situation im Problemkiez durch die Unterstützung der Strukturen, durch Förderung von Bildung, Kultur und Nachbarschaft dauerhaft verbessert haben?

 Ich habe mir zwei Jahre lang im Quartiersrat Gedanken über die Entwicklung des Kiezes gemacht. Ich habe, und das war das eigentliche Ziel meines ehrenamtlichen Engagements, viele Akteure im Kiez kennengelernt. Ich bin ins Gespräch gekommen, habe Nachbarn getroffen und habe die Schulen besucht, die für Menschen ohne schulpflichtige Kinder sonst abgeschottet wie eine eigene kleine Welt existieren. Ich habe einen Blick für die kleinen Dinge im Kiez bekommen, freue mich über kleine Schritte in die richtige Richtung, habe ein wenig ein Gefühl von Heimat entwickelt. Ich bin grundsätzlich für Bürgerbeteiligung. Der Quartiersrat liefert dafür hier im Viertel eine Plattform. Klar, es gab Dinge, die haben mich während meiner Bürgerjuryzeit aufgeregt  – dass das Land dringende Investitionen in Schulen oder Spielplätze einfach einspart und in die Sphäre der Quartiersmanagements auslagert oder dass das Förderverfahren kompliziert und mit vielen Vorgaben gestrickt wurde, so dass ich als mitentscheidender Bürger eigentlich zu wenig Spielraum für Mitbestimmung habe. Trotzdem ist der Quartiersrat eine gute Sache. Wo sonst findet man so schnell Kontakt zu den Initiativen und Akteuren im Kiez, die sich Gedanken machen und etwas tun wollen für die Beseitigung der Probleme?

Die Vernetzung wird neben dem Fördergeld am meisten fehlen im Viertel. Es wird der Gastgeber und Moderator fehlen im Gespräch der Nachbarn und Aktiven, die in sehr verschiedenen Welten leben und die einfach sehr viele verschiedene Sprachen sprechen. Insofern wird der Laden an der Ecke mehr sein als eine weitere leerstehende Immobilie. Es gibt Tage, auf die freut man sich einfach überhaupt nicht.

Quartiersmanagements im Wedding:
Brunnenviertel-Ackerstraße, Brunnenviertel-Brunnenstraße, Soldiner Straße, Pankstraße, Sparrplatz

Themen: Allgemeines | 4 Comments »
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4 Kommentare zu “Irgendwann im Wedding”

  1. oachkatz Says:
    19. August 2011 um 10:30

    :(

  2. Immi Says:
    14. October 2011 um 15:13

    Vielleicht erinnerst du dich an mich, ich habe im Winter ein Praktikum im QM gemacht (die mit dem Kaffee, jeden Morgen bei Schnee und Eis ;-) ). Jetzt, fast ein Jahr danach, stehe ich kurz vor dem Ende meiner Diplomarbeit zu GENAU diesem Thema. Genau heute, an dem ich mich an deinen Blog erinnerte, stehe ich vor dem letzten Kapitel: Handlungsempfehlungen zur Verstetigung des QM Brunnenviertel-Ackerstraße. Ich habe Input von allen Seiten: Hier wurde dies unternommen, dort jenes, hier hat dieses funktioniert, dort jenes nicht. Aber was funktioniert hier? Was funktioniert nicht? Bis jetzt stehen nur wilde Wortfetzen auf meinem Block. Ich hoffe, dass ich konkreter werden kann, befürchte aber, dass ich nur wage Ratschläge geben kann. Wie es wirklich nach 2013 weitergehen kann, weiß wohl niemand.
    Ich hoffe, dass die Beteiligung, die Verbünde und wenigstens einige Projekte überleben.
    Vielen Dank für den Artikel, er zeigt mir, dass meine Diplomarbeit doch vielleicht etwas Sinn macht!
    Grüße!

  3. Dominique Says:
    16. October 2011 um 09:09

    Hallo Immi, das steht leider in den Sternen. Wir alle arbeiten intensiv daran, dass wenigestens etwas bleibt. Alles, was an bestehende, stabile Institutionen (oder Schulen) angedockt werden kann, hat wahrscheinlich eine Chance. Vielleicht bleiben auch einige wenige Projekte, die auch in der freien, ungeschützten Welt tragfähig sind.
    Viel Erfolg für Deine Diplomarbeit (die ich gern einmal lesen würde …)
    Viele Grüße!
    Dominique

  4. Immi Says:
    17. October 2011 um 14:43

    Ich melde mich, wenn ich fertig bin. Ich möchte die Arbeit natürlich erst rausgeben, wenn Disputation und alles rum ist. Das QM bekommt die Arbeit aber auch auf jeden Fall, falls ich dich also doch vergessen sollte, dann frag dort mal nach. Aber wahrscheinlich erst ab Februar oder so!
    Grüße, Immi

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