« Irgendwann im Wedding | Hauptseite | Frauengespräche »
Es wird besser
Von Planet Wedding | Dominique | 18. November 2011Aufwertung ohne Verdrängung? Das Brunnenviertel im Mitte-Ortsteil Gesundbrunnen verändert sich.
Ein 50 Jahre alter Begriff aus der Stadtsoziologie hat in den letzten Jahren den Sprung in die Alltagssprache geschafft: Gentrifizierung. Er beschreibt einen Umstrukturierungsprozess in Innenstadtquartieren. Merkmale sind steigende Mieten, der massive Zuzug von wohlhabenden Mieter/innen, Sanierungsmaßnahmen und die Verdrängung von einkommensschwachen Bewohner/innen. Das benachbarte Prenzlauer Berg ist in diesem Zusammenhang das wohl bekannteste Beispiel. Seit der Wende hat sich dort die Bevölkerung fast komplett ausgetauscht. Es gab in den vergangenen Jahren aber auch immer wieder die Frage: Kommt die Gentrifizierung auch in den Wedding? Das Thema ist komplex, einfache Antworten gibt es nicht, und was für den Einen eine positive Entwicklung ist, ist für den Anderen der Grund zum Wegzug.
Die Fakten sprechen bis jetzt gegen eine derartige Entwicklung im Brunnenviertel (Wedding), die zu massivem Wegzug durch Mietsteigerungen führt. In den Berichten zur Sozialen Stadtteilentwicklung gilt das Gebiet als Planungsraum mit sehr niedrigem Entwicklungsindex. Anders als in klassischen Aufwertungsgebieten ist der Großteil der Wohnungen im Brunnenviertel außerdem in der Hand einer kommunalen Gesellschaft, die auch den Auftrag hat, Mietsteigerungen zu begrenzen. “Von Gentrifizierung sind wir hier weit entfernt”, sagt der Leiter des Kundenzentrums Nord der degewo, Jörn Richters. Die degewo bemüht sich seit 2005 um eine Verbesserung der Lebensbedingungen im Brunnenviertel, betreibt gezielte Aufwertung. Mit Erfolg: das kommunale Wohnungsunternehmen meldet Vollvermietung, mehr Gewerbe, zufriedenere Bewohner/innen.
Der bekannte Stadtsoziologe von der Humboldt-Universität Berlin, Andrej Holm, sieht in diesen bewussten, politisch initiierten Aufwertungsmaßnahmen rund um die Brunnenstraße einen möglichen Gentrifizierungsmotor. Bei einer Veranstaltung mit dem Titel “Gentrifizierung im Wedding?” Anfang des Jahres stufte auch er den Wedding jedoch als zunächst nicht gefährdet ein. Das größte Potenzial, so stellte er in seiner Analyse fest, hätte in dieser Hinsicht aber das Brunnenviertel.
Neben der politisch gewollten Aufwertung spielt laut Andrej Holm insbesondere die so genannte Umzugskettengentrifizierung im Wedding eine Rolle. Dabei ziehen Bewohner/innen aus Gebieten mit starken Mietsteigerungen in Quartiere mit niedrigeren Mieten, lösen dort eine größere Nachfrage und wiederum steigende Mieten aus. Das Brunnenviertel hat zwar wenige der gefragten Altbauten zu bieten, ist aber wegen seiner Nähe zu Alt-Mitte und Prenzlauer Berg eine interessante Adresse. Die Stadtforscher/innen wissen nämlich, dass 80 Prozent der Umzüge in der Stadt innerhalb eines Umkreises von fünf Kilometern stattfinden. Eine Rolle bei der Wahl des neuen Wohnortes spielt die Attraktivität der Bildungseinrichtungen. Insbesondere bei den Kindertagesstätten deutet sich im Brunnenviertel eine neue Entwicklung an. So hat beispielsweise der Kindergarten in der Wolgaster Straße zunehmend Interessent/innen aus dem nahen Prenzlauer Berg, wo die Kindergärten kaum mehr freie Plätze anbieten können. Die Eltern weichen immer öfter in den Wedding aus – und manche ziehen auch in das Gebiet auf der anderen Seite der Bernauer Straße.
In den letzten Jahren sind verstärkt andere Neumieter/innen ins Brunnenviertel gezogen – Student/innen, Familien aus dem Prenzlauer Berg, einkommensstärkere Haushalte. Für eine Verdrängung von einkommensschwachen Altmieter/innen gibt es aber keine eindeutigen Belege. Und ob die zugezogenen Eltern bleiben, wenn ihre Kinder schulpflichtig werden und in eine hiesige Grundschule gehen sollen, ist ungewiss. Insbesondere die Gustav-Falke-Grundschule versucht seit einigen Jahren mit einer besonderen, naturwissenschaftlich orientierten Klasse mit Deutschgarantie gerade diesen Eltern einen Anreiz zu geben, denn es ist kein Geheimnis, dass es Vorurteile gibt und der hohe Migrantenanteil für viele ein Problem ist.
Die kleine Umfrage zu Veränderungen im Brunnenviertel zeigt, dass sich viele Dinge aus Sicht der Menschen positiv verändern. Es gibt mehr Gastronomie, eine schöneres Wohnumfeld. Neue Cafés sind eine als angenehm empfundene Aufwertung. Und die Wünsche der befragten Bewohner/innen und Gäste des Viertels gehen in die gleiche Richtung: alle wollen Milchkaffee, mehr kleine Läden, mehr Leben im Viertel. Gentrifizierung will keiner. Aufwertung ja, aber bitte für alle! In der Umfrage im Brunnenviertel haben nur wenige Menschen angegeben, dass sie Angst vor Mietsteigerungen und Verdrängung haben. Die beobachteten Veränderungen werden als willkommene Verbesserung wahrgenommen – und nicht jede Aufwertungsmaßnahme führt zur Gentrifizierung.
Themen: Allgemeines | 5 Comments »
Tags:
19. November 2011 um 02:57
Interessante neue Gedanken. Im Soziologiestudium war “Altbausubstanz” praktisch Bedingung für “echte” Gentrifizierung. Über Kettengentrifizierung habe ich bislang nicht nachgedacht. Und das, obwohl ich selbst aus dem “hippen” Neukölln ins Brunnenviertel zog… Verdrängt die Oberschicht die Mittelschicht, die dann Einkommensschwache verdrängt? Und warum verstärkt sich dies gefühlt immer schneller? Ist es wirklich nur, dass einzelne Wohnlagen so attraktiv werden? Oder ist es, dass Spekulation mit Wohnraum zunimmt und Gewinnmaximierung bei Sanierungen und Neubauten vor den Bedürfnissen der Menschen steht? Kann und sollte alleine der Markt Mieten regeln oder sollte das demokratisch geregelt werden? Tatsächlich Fragen über Fragen…
19. November 2011 um 10:01
@Sebastian: Es sind wirklich sehr viele Fragen offen. Keiner weiß genau, wie es so wirklich funktioniert. Ich finde es aber wichtig, dass man darüber nachdenkt bzw. darüber redet. Dann kann man auch darüber nachdenken, was man gegen solche Entwicklungen tun kann – falls das überhaupt möglich ist.
21. November 2011 um 09:08
[...] war ein eher harmlos geschriebener Artikel „Es wird besser. Aufwertung ohne Verdrängung? Das Brunnenviertel im Mitte-Ortsteil Gesundbrunnen ver….“ von der Journalistin Dominique Hensel. Ursprünglich für das Kiezmagazin Brunnenviertel [...]
23. November 2011 um 08:25
Inzwichen haben Sie den Zusatz, dass dieser Text, der ursprünglich in der Quartierszeitung des Quartiersmanagement Brunnenviertels erscheinen sollte, dort aber nicht veröffentlicht wurde und nun deshalb hier auf Ihrem Blog erscheint, kommentarlos entfernt. Da mittlerweile eine Diskussion auf dem gentrificationblog von Andrej Holm, den Sie auch in Ihrem Text verlinkt haben, um die Gründe der Ablehnung des Textes begonnen hat, wäre es sinnvoll, Sie würden präziser dazu Stellung nehmen.
23. November 2011 um 11:38
@lisa: Es ging mir im Kern darum, nicht für den Papierkorb zu arbeiten, deshalb habe ich diesen Text hier veröffentlicht. Meinen Kommentar zur Ablehnung habe ich gelöscht, da sich die Diskussion zu sehr vom Inhalt des Artikels entfernt hat – und um diesen war es mir gegangen.