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Einschulung schwer gemacht

Von Planet Wedding | Dominique | 3. September 2014

schuleMeine Mutter hatte es gut. Sie weiß gar nicht, wie gut sie es hatte. Wirklich. Als ich sieben Jahre alt wurde, schickte sie mich einfach so in die Schule. Die Frage, in welche Schule ich gehen würde, stellte sie sich nicht. Es gab ja auch nur eine in dem kleinen Ort am Rand von Berlin. In die wurde ich eingeschult, da machte ich später meinen ersten Abschluss. Ende der Geschichte. 30 Jahre später im Wedding könnte ich bereits jetzt Bücher über das Thema Schulwahl verfassen und die Entscheidung für eine Bildungseinrichtung fällt mir schwer. Und dabei muss ich erst in den kommenden Monaten ein Kreuzchen vor einem Schulnamen machen, der kleine Weddinger bekommt erst in einem Jahr eine Schultüte.

In den letzten zwei Jahren habe ich Bekanntschaft mit dem Einschulungssystem in Mitte gemacht. Ich lebe im Schulsprengel 7. Das bedeutet, dass ich theoretisch unter sieben staatlichen Schulen wählen darf. Praktisch, so merkte ich, ist das ein wenig anders, denn unser Sprengel fasst Schule aus dem Wedding und Schule in Alt-Mitte zu einem Einschulungsbereich zusammen. Das klingt nicht schlimm. Aber offenbar nur für meine Ohren. Bekannte aus Alt-Mitte haben riesige Angst, dass sie aufgrund von Überfüllung der guten Schulen jenseits der Bernauer Straße am Ende einer der Schulen im Brennpunktbezirk zugeordnet werden (das ist offenbar die Idee der Bildungsverwaltung, eine Mischung soll hergestellt werden). Einige Eltern würden ihre Mittekinder eventuell noch in die Naturwissenschaftsklassen der Gustav-Falke-Grundschule, die nach Deutschtest gebildet werden, geben. Mehr Wedding müsste der Anwalt eben wegklagen.

Jetzt steht für mich die Gretchenfrage bevor: Bin ich so richtig und überzeugt Weddingerin oder nicht? Werde ich als bildungsbewusster Mensch gegen den Trend bei den bildungsbewussten Familien im Brunnenviertel mein Kreuz an eine Schule auf meiner Seite der Bernauer Straße machen?

Ich habe mir in den letzten zwei Jahren alle Schulen im Schulsprengel angeschaut. Sogar diese eine beliebte Schule, die ihre Türen der Werbung wegen gar nicht für Eltern zu öffnen braucht, weil sowieso alle dorthin wollen. Ich war auch in den Schulen im Brunnenviertel. Ich haben auf beiden Seiten der Bernauer Straße Schulen gefunden, die mir überhaupt gar nicht gefallen. Also gar nicht überhaupt nicht. Ich habe aber auch auf beiden Seiten Schulen gefunden, die ich vom Ansatz her gut finde. Die im Brunnenviertel sind nah, viele Lehrer sind engagiert, die Klassen sind kleiner als die vollgeklagten Klassen in Alt-Mitte, es gibt viele geförderte Projekte.

In meinem Vorweddinger Leben habe ich zusammen mit anderen zwei freie Schulen gegründet. Leider außerhalb von Berlin. Ich denke mir, ich quäle mich vielleicht deshalb so sehr mit der Auswahl der Schule. Vielleicht aber auch deshalb, weil der kleine Weddinger natürlich ein besonders besonderes Kind ist. Oder störe ich mich am Ende doch nur an den nahezu 100 Prozent Mitschülern mit Migrationshintergrund, ich Heuchlerin, ich?

Die Entscheidung ist wichtig. Es gibt zu viel Auswahl. Oder zu wenig. Das hat sich auch in dem einen Jahr nicht geändert, das ich durch die Rückstellung des kleinen Weddingers herausgeschunden habe.

Meine Mutter versteht vermutlich gar nicht, wovon ich immer rede. Sie freut sich einfach, dass der kleine Weddinger schon bis weit über 100 zählen kann, dass er überraschend sicher die Zahlen hin und her rechnet, dass er mit etwas Hilfe schöne kleine Briefchen in Krakelschrift verfasst und immer alles ganz genau wissen will. Meine Mutter hat es noch immer gut. Und sie weiß es gar nicht!

Meine Weddingweiser-Kolumne im August. Ein Mal im Monat, immer am ersten Mittwoch lade ich auf dem Weddingweiser dazu ein, einen Blick in die Welt einer Weddinger Familie zu werfen.

Foto und Text: Dominique Hensel

Themen: Mitgebloggt, Neulich im Wedding, Spot on | 1 Comment »
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Ein Kommentar zu “Einschulung schwer gemacht”

  1. Johannes Says:
    4. September 2014 um 08:15

    So ein schöner, berührender Text!
    Danke.

Kommentare