Thursday, 28. October 2010

Der Eingang

Am Gartenplatz wird gebaut. Wir gehen jeden Tag hin und beobachten: Bagger fährt nach links, Raupe düst nach rechts, Steine werden verlegt, riesige Sandberge aufgetürmt und abtransportiert, Rasen wird gesät. Der Gartenplatz wird hübsch, er soll das Zentrum unseres Kiezes werden. Wir freuen uns, auch über die umsichtige Beschilderung für die Kirchgänger.

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Tuesday, 26. October 2010

Auf der Straße

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400 Menschen protestierten gegen die geplanten Kürzungen im Bereich Städtebauförderung, der Mitweddinger protestierte und fotografierte mit.

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Tuesday, 19. October 2010

Auf die Straße!

Ich war noch nie auf einer Demo (abgesehen von der Love Parade, die höchstens eine Demonstration von Lebensfreude ist). Die ganze Demonstrationsbewegung ist an mir vorbeigegangen. Obwohl es einige Ziele gegeben hätte, die ich unterstütze. Klimaschutz, Beendigung von Kriegen, mehr Geld für Bildung: ich bin dafür! Hin und wieder habe ich eine Petition unterzeichnet, aber demonstriert habe ich noch nie. Morgen wird sich das ändern. Und das kam so:

Irgendwann, lange bevor ich meinen Koffer ins Brunnenviertel stellte, hat der Senat in meinen Kiez als besonders problematisch eingestuft. Schlechte soziale und ethnische Mischung, schlechte Bildungschancen, viel Gewalt, unsauberes Wohnumfeld, Schmuddelimage. 2005 wurde deshalb ein Quartiersmangagement beauftragt, die Situation im Weddinger Kiez zu verbessern, Projekte anzustoßen und zu unterstützen, Bürger zu aktivieren.

Mich hat das bunte Schaufenster mit den vielen Plakaten und Veranstaltungs- sowie Projekthinweisen an der Ecke von Anfang an angezogen. Ich wollte wissen, warum es diesen Farbtupfer in meiner ruhigen Wohnlage gibt, wozu er sein soll. Ich bin ins Stadtteilbüro des Quartiersmanagements hineingegangen, ließ mich in die Geheimnisse das Programms “Soziale Stadt” einweihen, ließ mich aktivieren. Seit einem Jahr nun arbeite ich als Quartiersrätin im Bürgergremium, entscheide über die Verteilung der Fördermittel mit.

Auftritt Bundesbauminister Ramsauer. Er will die Mittel für die deutsche Städtebauförderung halbieren. Diese Reduzierung beträfe auch die 34 Berliner “Soziale Stadt”-Quartiere, also auch meinen Kiez. Kein Geld mehr für Projekte im Bereich Bildung, Integration, Kultur. Projekt, die ich mir kritisch angesehen habe. Projekte, die ich für das Brunnenviertel inzwischen wichtig und unentbehrlich finde.

So kam es, dass ich morgen zum ersten Mal auf die Straße gehen werde. Wer mich sucht, ich bin morgen (20.10.2010) zwischen 13 und 15 Uhr vor dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in der Invalidenstraße 44, lauere Herrn Ramsauer auf und versuche, mit anderen Ehrenamtlichen, die “Soziale Stadt” zu retten. Wer rettet mit?

Mehr Infos und die Möglichkeit, eine Online-Petition zu unterzeichnen, gibt es auf dem Blog von Anne Wispler.

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Friday, 15. October 2010

So schmeckt der Wedding

eschenbraeuWie schmeckt der Wedding in diesem Monat? Ich weiß es nicht, ich habe die monatliche Verkostung leider verpasst. Aber ab dem 29. Oktober gibt es einen neuen Geschmack, er ist als malzig und satt angekündigt, und ich werde mit meiner dekorativen Eschenbräu-Flasche wieder ins Sprengelkiez sausen und mir das neue Saisonbier aus der kleinen Weddinger Hausbrauerei holen.

Eschenbräu gehört einfach dazu und wer Eschenbräu nicht gekostet hat, der weiß nichts vom Wedding. Denke ich mir. Und deshalb koste ich seit einiger Zeit alles, was Martin Eschenbrenner in der Triftstraße braut und in seinem lauschigen Biergarten unter der alten Eiche, im Braukeller oder to go in der Mehrwegflasche verkauft. Obwohl ich mich bisher ans Bier gehalten habe. Wenn ich wollte, könnte ich auch diverse Obstbrände oder Apfelsaft (und ab 2013 auch Whisky) versuchen.

Ich lasse mir gern einen Liter abfüllen, kaufe eine Laugenbrezel dazu, genieße beides auf dem heimischen Balkon und denke darüber nach wie schön es doch ist, dass der Wedding diese sympathische Brauerei hat. Im nächsten Sommer, so ist der Plan, verlagere ich meine Bierverkostung in den Biergarten, freue mich über obergärigen, untergärigen oder malzigen Gerstensaft und darüber, dass der kleine Weddinger umsonst Apfelsaft trinken darf.

Ob ich nun mehr über den Wedding weiß? Spätestens nach dem dritten Glas UrBerliner Gold verliert diese Frage ein wenig an Bedeutung.

Hausbrauerei Eschenbräu, tägl. ab 17 Uhr geöffnet, Triftstraße 67,  13353 Berlin, Tel. (030) 462 68 37

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Tuesday, 7. September 2010

Vor der Haustür

Es gehen Mörder umher im Kiez. Sie morden aus Eifersucht, Habgier, Blödheit. Sie sind so nah, gleich drüben in der Putbusser Straße, mir wird angst. Die Sozialfuzzis können nichts verhindern, die Macht ist böse und schwarz und gefährlich für die, die im Brunnenviertel wohnen. Wer hier wohnt, ist Opfer, ist arbeitslos und verwest am Ende allein in seiner Wohnung. In der Putbusser Straße zum Beispiel.

Ich habe einmal in der Putbusser Straße gewohnt. Ich bin die Wege gegangen, die die Mörder (kamen sie aus Alt-Mitte oder aus dem Prenzlauer Berg?) gegangen sind. Bin ich in ihrem grausamen Fokus gewesen als ich einmal beim Norma einkaufen ging? Sollte der Sozialladen an der Ecke mein Grab werden?

Das sind Dinge, die ich Ullrich Wegerich gern einmal fragen würde. Ich wüsste auch gern, warum er mich arbeitslos gemacht hat, einsam und verloren? Warum lässt er mich nach dem glitzernden Mitte greifen, warum bin ich seine Krimileiche?

Der Autor hatte meinen Kiez auf dem Korn als er sein zweites Buch (Ullrich Wegerich: Berliner Macht, 2009, Königshausen & Neumann) schrieb. Er war seine Kulisse, er jagte seine Figuren durchs Brunnenviertel: von der Kita zum Gesundbrunnencenter, von der Putbusser Straße zur Brunnenstraße. Einmal nach Mitte und dann zurück in den Wedding.

Es ist komisch, wenn ein Buch so dicht an meine Haustür heranreicht. Ich weiß nicht genau, ob mich der Stempel, der dem Brunnenviertel im Dienste der Drucksache aufgedrückt wurde, aufregt oder nicht. Ich weiß nur: mir ist ein spannender, gut geschriebener Krimi in die Hände gefallen. Ich habe ihn gern gelesen und ich lese nun gleich noch den Erstling von Ullrich Wegerich. Der spielt in Charlottenburg. Mal sehn, wo dort die Mörder wohnen.

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Saturday, 4. September 2010

Kleine Kunst

Farbenfroher Empfang: Niemand kann die Gustav-Falke-Grundschule im Brunnenviertel betreten ohne auf die großformatigen Malereien an den Wänden aufmerksam zu werden. Helden aus Kinderbüchern grüßen freundlich von eineinhalb mal drei Meter großen Leinwänden, ein Bild zeigt dem Besucher den Weg des Wassers, eine weitere Malerei setzt den Orientierungspfeil: Berlin, Brunnenviertel. Von den Fensterbretter schauen modellierte Tonköpfe in die breiten Flure des Gebäudes. Als unkundiger Besucher geht man staunend durchs Gebäude, freundlich und lebendig wirkt das Gebäude. Kunst gehört hier offenbar zum Alltag der Kinder, Lehrer und Eltern. 

Steht man einen Moment länger vor einem der Bilder an den Wänden, kommt vielleicht einer der Urheber vorbei, freut sich über das Interesse des Besuchs und gibt stolz Auskunft über Ursprung und Entstehungsgeschichte des Gemeinschaftswerkes. Den Rest erklärt Zuzanna Skiba, eine der drei Künstlerinnen der Künstlergemeinschaft mazuma gleich nebenan im Werkraum. Der Werkraum, noch so eine besondere Geschichte. Hier im Erdgeschoss gibt es Platz und viel Material für das Kunstprojekt, das bis Ende 2010 für den freundlichen Empfang, die gemeinsame Arbeit der Kinder an den Exponaten und den eineinhalb Wochenstunden bei Zuzanna Skiba und den anderen Künstlern sorgt. Überall stehen Pinsel und Farben, überall liegt Material bereit für die Auseinandersetzung mit Kunst. Am Material fehlt es nicht. 

In kleinen Gruppen kommen die Kinder jede Woche zur Kunststunde mit den Künstlern. Es ist ein besonderer Unterricht, doch es ist Unterricht. Mit Theorie und Praxis, mit Lernen und Können. Zuzanna Skiba sei streng, hört man hinter ihrem Rücken die Kinder tuscheln. Möglicherweise ist sie streng. Doch möglicherweise weiß sie nicht erst nach fast fünf Jahren Arbeit an der Schule nur zu gut, dass die Kunst auch Disziplin verlangt. Sie weiß wie ihre Künstlerkollegen wie konzentriert man arbeiten muss und wie wenig man sich Trägheit leisten kann, damit anspruchsvolle Kunstwerke entstehen, damit die Kinder lernen, einen Mehrwert durch das Kunstprojekt haben. Und die Kunst in den Fluren spricht für sich. Hier werden fundierte Kenntnisse vermittelt, hier wird Kreativität gefördert, hier wird Teamarbeit trainiert. 

Nach fünf Jahren Arbeit – in der regulären Unterrichtszeit und in Projekten – ist das Kunstprojekt im Schulalltag verwurzelt. Anfängliche Skepsis und Kontaktschwierigkeiten, so erzählt Zuzanna Skiba, wurden in der Anfangsphase überwunden. Zunächst waren die drei Künstler Fremde im Schulalltag. Heute werden sie von den Kindern freudig begrüßt und auch die Lehrer haben eine gemeinsame Sprache mit den Fremden gefunden. Wenn – wie Zuzanna Skiba erklärt – bei der Unterrichtsvorbereitung wie selbstverständlich an eine mögliche begleitende künstlerische Umsetzung gedacht wird und Themen mit den mazuma-Künstlern besprochen werden, dann wird deutlich, dass die Kunst hineingewachsen ist in das Schulleben an der Gustav-Falke-Grundschule. Man merkt es als Besucher an den Kunstwerken in den Gängen, an den Ausstellungseröffnungen, an dem schönen Kunstkalender für 2010 mit den modellierten Tonköpfen und an der Schulwebsite, auf der die Arbeit von mazuma an der Schule ausführlich dokumentiert ist. Und man merkt es an den Kindern, wenn man mit ihnen auf dem Gang ins Gespräch kommt. 

Dass das vom Quartiersmanagement geförderte Projekt Ende des Jahres seine Höchstförderungsdauer erreicht hat, kann daher niemanden wirklich fröhlich stimmen. Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin wäre vielleicht ein wenig traurig, wenn er wüsste, dass das Projekt bald endet. Aber immerhin hat er seit 2008 ein großes Bild vom Roten Rathaus in seinem Amtsgebäude hängen. Gemalt in der Gustav-Falke-Grundschule im Brunnenviertel im Rahmen des Kunstprojektes. 

Es ist schwer vorzustellen, dass diese Kunst mit all ihren positiven Effekten wieder auszieht aus der Schule, dass die Künstler nicht zum wöchentlichen Unterricht kommen. Dass die Schule mit ihrem hohen Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft dieses Imageprojekt nicht weiterführen kann. Doch eine weitere Finanzierung des Projekts durch das Quartiersmanagement ist nicht möglich, die Schule kann es nicht aus ihren Mitteln finanzieren und weitere Förderer sind nicht in Sicht. Die mazuma-Künstler haben sich an verschiedenen Stiftungen gewandt, Suzanna Skiba ist hinsichtlich der Erfolgsaussichten für eine Weiterförderung nicht besonders optimistisch.

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Tuesday, 31. August 2010

Ein Traum von einem Café

Der Traum:
Ich wollte einmal in dem leeren Ecklokal in meiner Straße ein Café eröffnen. Ich hatte mir überlegt, ich könnte guten Kaffee verkaufen, vom Geschmack her nicht verbrannt, nicht zu mild. Denn den trinke ich gern. Und ich habe in Betracht gezogen, das Mittagsbistro der Herrschaften von der Deutschen Welle und den Angestellten der kleinen Fakultät der TU zu werden. Falls die mal keinen Döner oder Pausenbrot zum Mittag essen möchten, hätte ich als einzige weit und breit Salate mit Walnusskernen und Gorgonzola angeboten, Quiche und selbstgemachte Pizza. Ich sah mich in der Küche stehen, mit einer langen Schürze vor dem Bauch und verlockend riechenden Kuchen backen. Ich sah mich, wie ich mein Plaudertalent täglich gerne an jeden Gast verschenkte. Ich bin um das leere Ladenlokal geschlichen, der kleine Weddinger kletterte gern die Stufen empor, schaute mit mir durch die Fensterscheiben. Ich wollte den Mitweddinger als Mitstreiter herbeireden. Ich träumte mir ein Mitte-Café im Weddinger Kiez.

Die Realität:
Ich habe mich nicht getraut. Die Familie, die Kinder, das Weddinger Publikum, das Risiko. Ich habe zu viele “aber” gedacht. Ich habe beim Träumen kalte Füße bekommen.

Die Ernüchertung:
Ann-Kathrin und Martha aus dem Prenzlauer Berg waren mutiger als ich. Sie haben in meinem geträumten Café ein echtes Café eröffnet, das freysinn. Sie haben es hübsch gemacht, sehr hübsch. Sie verkaufen was ich verkaufen wollte. Sie plaudern wie ich plaudern wollte. Und jeden Tag kommen die Leute von der Deutschen Welle und von der TU und kaufen Salat mit Walnüssen, klappen ihre Laptops auf (WLAN gibt es natürlich auch) und  trinken leckeren italienischen Kaffee.

Die Conclusio:
Es gibt guten Kaffee im Brunnenviertel.
Es gibt ein chick-charmantes Café-Bistro im südlichen Wedding.
Ich kann mit meinem Laptop unterm Arm über die Straße gehen, nett mit Martha und Ann-Kathrin plaudern, etwas surfen, Koffein tanken, Kuchen essen, neben den Leuten von der Deutschen Welle sitzen und mich über meine großartige Idee vom Café an der Ecke freuen. Oder mich ärgern.
Ich bin ein Hasenfuß.

Café+Bistro freysinn, Jasmunder Straße 5, 13355 Berlin; Mo-Fr 8-18 Uhr, So 11-17 Uhr Brunch

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Tuesday, 6. April 2010

Flaschenposteinladung

Hinter dem Haus, da fließt die Panke. So ungefähr hinter dem Haus. Mit ihrer zarten Strömung wurde neulich eine Flaschenpost zu mir gespült. Ich war erstaunt und auch ein wenig aufgeregt. Eine Flaschenpost hatte ich noch nie bekommen. Und dann eine mit einem richtigen Adressaufkleber: Dominique, Berlin-Wedding. Woher kam sie nur, wer ist der Absender und wie lange ist die Flaschenpost unterwegs gewesen? Etwa so lang wie die, die von 1903 bis 1955 zwischen dem Südpol und Neuseeland unterwegs war? Hm. Wohl kaum. Die Panke entspringt in Bernau. Nur Bernau, wen kenne ich in Bernau? Rätselte ich noch als ich das kleine Papier durch den Flaschenhals fädelte.

Ich faltete das kleine Papier auseinander. Der Flaschenpostbrief war eine Flaschenposteinladung. Eine an mich adressierte Flaschenposteinladung aus Bernau, an einem trüben Märzvormittag gefischt aus der Panke in Berlin-Wedding. Es ist eine hübsche Einladung, ich erkannte sofort die Handschrift der Künstlerin Anke am Berg. Eine Flaschenposteinladung ist etwas besonders Originelles. Es passt zur Galerie Bernau, die immer geistreiche Menschen mit ebensolchen Ideen um sich versammelt und die, das entnehme ich der Einladung, im April ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Es gibt ein tolles Programm mit Kunstauktion Musik, ART-Buffet, Distel-Kabarett, Kindertheater, Feuerjonglage und so weiter und so fort. Bilder gibt es bestimmt auch zu sehen. Das wäre ja was, wenn das nicht so wäre bei einem Galeriegeburstag.

Eine Flaschenposteinladung von einer hübschen kleinen Galerie in Bernau, dem kulturellen Zentrum der Hussitenstadt. Ich sage mal: Nehmt euch nichts vor am 16./17. und 18. April und geht alle hin. Der Förderkreis Bildende Kunst zaubert seit 20 Jahren kleine Edelsteine aus seiner Überraschungskunstkiste. Selbst für verwöhnte Berliner wie mich.

Galerie Bernau, Bürgermeisterstraße 4, 16321 Bernau bei Berlin, (03338) 80 68, (Internetseite gibt es nicht)

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Friday, 26. February 2010

Winterschlaf um die Ecke

Ich unterbreche meinen Winterschlaf. Ich unterbreche meinen Winterschlaf, um zu sagen, dass Freunde, Bekannte und Fremde eine neue Adresse aufsuchen müssen, wenn sie im Weddinger Panke-Hostel Ufernacht schlafen wollen. Jan hat Tische, Betten, Bilder, Videos, Sofa, Wasserkocher und alles Interieur seines schönen Hostels aufgeladen, hat die Uferstraße verlassen und ist gleich um die Ecke in die Martin-Opitz-Straße eingebogen. Bitte sucht Nummer 23, bestellt einen lieben Gruß, nehmt einen Drink an der neuen Bar und schlaft den Winter weg.

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Thursday, 14. January 2010

Willkommen in der Wiesenburg

Zweimal war ich Gast in der Wiesenburg. Gelangweilt habe ich mich bei keinem der beiden Male, vielleicht ein wenig gewundert und auch gestaunt. Einmal führte mich eine Dame spontan durch die imposante Ruine. Ich hatte dabei das Gefühl, etwas Wichtiges entdeckt zu haben, bedeutende Schritte zu machen.

Einmal traf ich Joe.

Joe, der eigentlich Joachim Dumkow heißt, hat eine Wohnung, in die ich sofort einziehen würde. Eine hübsche Filmsammlung, Schallplatten und Kunst an den Wänden. Altbau im Wedding. Joe ist zu beneiden. Er lebt inmitten dieser schaurig-romantischen Filmkulisse (“Lili Marleen”, “Die Blechtrommel”), dreht kleine Videos, schreibt Gedichte und plant Kulturevents, zu denen er sich gern einige Freunde mehr einlädt. Platz hat er ja, ein verwunschenes Grundstück mit historischer Restbebauung, 12000 Quadratmeter groß.

Von Joe erfuhr ich von Berliner Asyl Verein für Obdachlose, dem 1896 eingerichteten Obdachlosenasyl am Panke-Ufer (bekannt als Wiesenburg), von bedeutendenen Gründervätern (unter ihnen Rudolph Virchow) und intensiver Nutzung des Geländes (30.000 Übernachtungen allein in den ersten zwei Jahren).

Joe ist nett, servierte Kaffee, zeigte mir ein Video vom letzten Sommerfest und fasste die Geschichte der Wiesenburg zusammen und lieh mir sofort die Chronik aus, die er bald als Büchlein veröffentlichen möchte. Er beantwortete meine Fragen, doch eine Frage nahm ich unbeantwortet mit nach Hause: Warum schläft das Denkmal Wiesenburg in der Halböffentlichkeit. Ich, die den ebenfalls denkmalgeschützten Alten Gutshof in Strausberg  mit zum Leben erweckte, bin begeistert und träume sofort von Kulturprogrammen und öffentlichem Leben gleich um die Ecke, von tollen Open-air-Konzerten, Freiluftkino in der Ruine, Tanz im Denkmal und und und. Machen die Wiesenburger nicht. Sie öffnen die Tür nicht jedermann. Wir, der Mit-Weddinger und ich, rätseln gemeinsam warum die Wiesenburger auf den ersten Blick etwas öffentlichkeitsreserviert sind. Wir finden keine schlüssige Erklärung. Gefragt haben wir Joe nicht.

Man ahnt nicht, was sich hinter dem Zaun mit dem Hinweis “Privatgelände” verbirgt. Wenn man sich der Wiesenburg nähert, gelangt man an die Grenze der Öffentlichkeit, weil die Wiesenburger nicht öffentlich sein wollen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht gastfreundlich sind. Ganz im Gegenteil.  Und ich käme gern einmal wieder.

Wiesenburg, Wiesenstraße, Berlin-Wedding

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