Milchkaffee verboten
Im Dreiländereck Wedding-Prenzlauer Berg-Mitte gibt es viele Kinder. Kinderärzte mit freien Kapazitäten dagegen gibt es nicht, zumindest im Prenzlauer Berg und in Mitte. Deshalb übertreten inzwischen viele Mütter die Grenze zum Wedding, wo es gelegentlich noch Termine gibt. Der Leibarzt des Kronsohns befindet sich haarscharf auf Weddinger Territorium. Das Wedding nicht Mitte ist, wurde mir schon bei der ersten Stippvisite klar. Und ich meine nicht den hohen Anteil kleiner türkischer Schnupfennasen im Warteraum. Ich meine das Schild am Empfang: “Döner essen verboten”. Ob das die Mamis aus den In-Bezirken irritiert? Und ob tatsächlich jemals ein Kleinkind Döner essend bei Dr. M im Wartesaal saß?
Welche Schilder, überlege ich mir amüsiert, hängen wohl in den Kinderarztpraxen der Nachbarbezirke? “Milchkaffee verboten” oder ”Bionade unerwünscht”? Oder vielleicht: “Aufnahmestopp. Gehen Sie in den Wedding”. Gesundheit und herzlich willkommen!
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Kuchenzahn
Genügsamkeit ist eigentlich nicht schlecht. Da habe ich im letzten Jahre aufgrund hormoneller Verwirrung jede Menge Kuchen vom Kaisers-Bäcker in mich hineingestopft, hauptsächlich Zupfkuchen und Quarktaschen um nun festzustellen, dass das Süßkram gar nicht schmeckt. Wie das? Ich bin zum Edeka-Bäcker gewechselt. Gemeint ist der Kamps in der Ackerstraße, nahe dem Gartenplatz. Dort gibt es jede Menge Futter für den hohlen Kuchenzahn. Es gibt leckere Franzbrötchen, besseren Zupfkuchen, verlockende Kirsch-Vanille-Plunder und andere Leckereien. Dass man mir sagte, Kamps gehe so grundsätzlich gar nicht, stört mich nicht. Wenn ich Brötchen kaufen gehe, nasche ich auf dem Heimweg manchmal heimlich etwas Zuckerwerk. Aber was heißt hier heimlich …
Mein aktuelles Problem hat weniger die Geheimhaltung oder zusätzliche Pfunden, es hat mit der eingangs erwähnten Genügsamkeit zu tun. Hat man sie einmal abgelegt, gibt es kein halten. Ich werde kritischer und frage mich trotz momentaner Kuchen-Harmonie, ob das wohl schon die kulinarische Spitze des Kuchenberges im Kiez ist. Ich werde probieren müssen. Au wei.
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Olivenbrötchen
Es gibt Dinge, die habe ich gern griffbereit. Wie zum Beispiel einen guten Brötchengeber. Nach dem letzten Umzug konnte ich meinen bisherigen Favoriten behalten: die Croissanterie in der Brunnenstraße. Das kleine Lädchen gleich am U-Bahnhof Voltastraße mochte ich vom ersten Tag an gern. Es verkauft schon in den frühen Morgenstunden Mohnbrötchen, warme Schrippen, wohlschmeckende Buttercroissants und einige Sorten Kuchen. Ich fühlte mich immer so multikulti wenn ein Großteil der Besucher vor mir in ihrer Muttersprache angesprochen wurden, die nicht meine ist. Sorry, ich bin von auswärts. Mich beeindruckt das noch. Jedenfalls ging ich immer gern in die Croissanterie und auch die paar Schritte mehr von meiner jetzigen Wohnung schreckten mich nicht.
Nun plötzlich ist irgendwas geschehen. Es gibt immer nur noch wenige Exemplare der gewünschten Brötchen wenn ich durch die piepende Tür trete. Olivenbrötchen sind rar, Schusterjungen selten. Ob es sich um Sparmaßnahmen handelt, frage ich mich? Inzwischen ist auch das Gefühl von multikulti verflogen. Ein türkisches Verkaufsgespräch lässt mich nicht mehr aufhorchen. Ich bin angekommen. Und brauche eine neue Bäckerei.
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Nachmieter gesucht
Lange habe ich keine Zeile geschrieben. Ich musste nachdenken. Nachdenken über all das, was in den letzten Monaten geschehen ist. So richtig habe ich es immer noch nicht begriffen, doch ich habe beschlossen, wenigstens wieder zu schreiben. Vermutlich ist mir auch nichts weiter passiert als dass mich die große Stadt freundlich empfing und mit all ihrer Undurchdringlichkeit mitgerissen hat. So kam es jedenfalls, dass ich in Wohnung Nr. 1 im Wedding zwar alle Regale einräumte, aber nie wirklich einzog. Nun ziehe ich wieder aus. Und wieder ein, wieder im Wedding. Verstehe einer die Welt.
PS: Wer Interesse an einer schönen, hellen Einzimmerwohnung mit Südwestbalkon im südlichen Wedding (Nähe Bernauer Straße) hat, der melde sich bitte bei mir. Wer mir am 13. September erklären könnte, wieso ich schon wieder Kisten schleppe, der ist ebenfalls herzlich zur Kontaktaufnahme eingeladen – und zum Mittragen.
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Zu spät
Ich will keine Berlinerin werden. Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht! Ich stelle mir vor, dass ich zwar in Berlin wohne und das bunte Leben genieße, meine brandenburgische (Sozial-)Prägung aber behalte. Ich will sie nicht, die Überheblichkeit der Hauptstädter, den Umziehwahn, die Eventsucht, die OberflächlichFlapsigkeit, den Ausgehzwang, das Schön-Dich-zu-treffen-ich-ruf-Dich-an-Getue. Ich will das nicht. Doch die Stadt hat mich bereits im Griff: Ich bin seit zwei Wochen zu keiner Verabredung mehr pünktlich erschienen. Be Berlin, be late? Ich verstehe mich selbst nicht mehr.
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Eins plus eins
Es gibt keine Post im Kiez. So habe ich neulich gemotzt und der Weddinger Ureinwohner hat mitgemotzt. Aber er stimmt gar nicht! Es gibt gleich zwei Niederlassungen gleich um die Ecke. Ich entschuldige mich also hiermit ausdrücklich bei der Deutschen Post AG für das entgegengebrachte Misstrauen und hoffe weiter auf gute Brief- und Paketbeförderung …
- Brunnenstraße 111e (Post-Service-Filiale ohne Postbank)
- Badstraße 4 (Postpoint vor dem Gesundbrunnencenter)
Wenn ich jetzt noch verstehe, was der Unterschied zwischen einer Filiale, einer Post-Service-Filiale und einem Postpoint ist, dann gehe ich sofort Briefmarken kaufen und schreibe mal wieder einen Brief. Ganz altmodisch.
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Zu verschenken
Ich habe ein Trauma: Ich steige in keinen Fahrstuhl. Seitdem ich irgendwann in den 80ern diesen Film mit Götz George (“Abwärts”) gesehen habe, in dem der Elevator in aufreibenden 83 Filmminuten genüsslich abgestürzt wurde und die Akteure im Fahrstuhlschacht um ihr Leben kletterten, steige ich Treppen. Ich klettere zu Freunden in den 5. Stock (oder höher), ich warte unten, wenn Gäste die Aussicht vom Fernsehturm genießen. Ist ja überhaupt gesünder. Ich bin ja nicht faul. Diese ganzen Schlaffies! Treppensteigen ist gut für die Venen.
Seit ich im Wedding wohne, bin ich keine Treppe mehr gestiegen. Jedenfalls nicht in meinem Haus. Der Grund ist einfach: die Neugier ist größer. Der Fahrstuhl in meinem Haus ist nämlich eine Schatzkiste. Ich rufe ihn manchmal einfach nur, um zu sehen, was der große Ozean heute vor meine Füße spült. Neulich zum Beispiel war es ein große Kiste mit Videos. “Zu verschenken” stand in zittrigen Buchstaben drauf. Am ersten Tag traute ich mich noch nicht, mir den Inhalt anzusehen. Am zweiten stöberte ich ungeniert zwischen den gesammelten Aufzeichnungen eines ehemalige Videomanics. Am Ende habe ich keine Kassette in meine Sammlung aufgenommen, zu beliebig war der Geschmack des Spenders. Wie ein Spielfilmabend auf SAT.1. Aber die Idee begeisterte mich: Meine Nachbarn werfen ihr Hab und Gut nicht einfach weg, sie schicken es mit dem Fahrstuhl in ein neues Leben.
Als der weiße Stöckelschuh auftauchte, wunderte ich mich schon nicht mehr. Zwei Tage lang fuhr er hoch und runter und ließ mich mehrmals am Tag darüber nachdenken, wie ein einzelner Damenschuh in einen Weddinger Fahrstuhl geraten ist. Ich habe keine plausible Antwort gefunden. Es war ein rechter Schuh mit Riemchen, Größe 38. Er passte mir nicht. Er fuhr hoch und runter, und dann hat ihn Aschenputtel plötzlich abgeholt.
Seit gestern hängt ein Zettel im Fahrstuhl. Ein Nachbar sucht einen Nachmieter für seine 2 2/2-Wohnung mit 92 Quadratmetern. Eine Wohnung mit Aufzug wohlbemerkt!
Der Fahrstuhl ist das heimliche Kommunikationszentrum des Hauses. Ein Ort der guten Gesten, ein Tauschmarkt, ein Plädoyer für Nächstenliebe, Faulheit (der Müllplatz ist echt weit weg), Recycling und französische (oder eher türkische?) Lebensart. Ich werde einen Teufel tun, die langweilige Treppe zu nehmen!
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Nele am Ufer
Neles Lieblingskneipe hat eine Weddinger Adresse. ‚Wieso das?’, frage ich mich, frage ich sie. Die Antwort ist schlicht wie plausibel und hat nichts mit dem riesigen Barbeque-Cheeseburger oder den gehaltvollen Nudelgerichten auf der Tageskarte zu tun. Ganz sicher wird auch niemand auf die Idee kommen, wegen des mit Leuchtfarben an die Wand gemalten Getiers ein Empfehlungsschreiben für das Lokal zu verfassen.
Ich mag Nele. Jung, musisch sehr talentiert, schnell im Kopf und von der Sorte „eine Frau, ein Wort“. Ein Abend mit ihr lässt Energien fließen. Wir sitzen am Fenster an einem der Holztische, die entgegen der Cocktail-Szene-Bar-Regel aus hellem Material gefertigt sind. Schick sind dazu die alten hölzernen S-Bahnbänke, ungewöhnlich der Nicht-Tresen. Selbstbedienung möchte man vermuten, doch es wird am Tisch serviert.
Nele erzählt Unglaubliches von rauen Weddinger Nächten, in denen man die Kellnerinnen des nachts bitten muss, die zur Sicherheit zugeschlossene Tür zu öffnen, um hinausschlüpfen zu können in die Nacht. Und von Zeiten, in denen man das Uferlos als Gast aus den selben Gründen gar durch die Küche verlassen musste. Ich schaue mich um, sehe die gemütliche Poker-Männerrunde (heute ohne Spielkarten versammelt), die gemächlich speisenden Pärchen und die in Finsternis und Stille gehüllten Straßenzüge vor den Fenstern und weiß nicht so recht, ob Neles Gruselgeschichten Fiktion sind oder Realität.
Ich suche nach Belegen für Neles Fantasie, finde aber nur eine mittelgroße Kiste mit Kinderspielzeug am Boden und eine Tür mit dem Schild „Speisereste“. Ein Toiletten-Witz made in wild, wild Wedding.
Wir essen und reden und reden und essen. Blicke, Gedanken, entspannte Plauderei. Den Milchkaffee kann man trinken, finden wir Kaffeesüchtigen. Und am Ende verstehe ich es. Nele mag den Senefelder Platz, Friedrichshain und die Oderberger Straße. Doch hier ist ihr Kiez und das Uferlos ist ihr Fixpunkt im Revier.
Uferlos, Uferstraße 13, 13357 Berlin
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Bin umgezogen
Ich habe fünf Postkarten gekauft. Eine Dame in einer lila Jogginghose steht darauf vor einer Campinggarnitur aus geschmacklos gemusterter Luftmatratze und hässlichen Klappstühlen, darüber steht “Bin umgezogen”. Schick irgendwie. Auf der Rückseite lese ich, es sei eine Weltniveau-Postkarte. Keine Ahnung, was das bedeutet, aber es hat mich überzeugt, die Dinger zu kaufen. Ich stellte mir vor, dass ich mit den Karten fünf lieben Bekannten mitteile, dass ich jetzt im Wedding wohne. Eine gute, schlichte Idee. Doch es kam anders.
Schwachstelle Mensch: Trotz intensiven Nachdenkens sind mir keine fünf Adressaten eingefallen. Ich habe telefoniert, geskypt, Mails verschickt und alten Bekannten auf der Straße vom Umzug erzählt. Alle wissen es schon. Alle! Ich habe einfach keine Ahnung, wem ich die Weltniveau-Karte schicken könnte.
Systematische Schwachstelle: Es gibt kein Post im Kiez. Wären mir fünf Adressaten eingefallen (oder auch nur einer), ich hätte sie nicht abschicken können oder zumindest längere Wege in Kauf nehmen müssen, was ich als Neu-Berlinerin prinzipiell ausschließe. Ich hätte natürlich einem der zahlreichen PIN-Fahrradboten, die immerzu durch die Gegend kreiseln, vor die Füße springen und ihn bitten können, meine Fracht zu transportieren. Doch dafür bin ich zu schüchtern.
Also sind die fünf Postkarten noch da. Sie liegen auf dem Tisch, starren mich an und mit jedem Tag wird es unwahrscheinlicher, dass sie noch ihre Bestimmung erfüllen. Jedenfalls nicht bei diesem Umzug.
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Traumwohnung
Wohin zieht man in Berlin? Die Antwort darauf ist schwer und vermutlich eine Glaubensfrage; eine Frage des Lifestyles, den man durch seine Standortwahl transportieren will. Jeder Berliner, den ich konsultierte, gab mir eine andere Anwort darauf. Deshalb begann ich die Suche dort, wo mich mein erster Gedanke hintrug. Ich ging zur Degewo.
Die Damen und Herren Verwalter und Vermittler aus der Brunnenstraße gehören zum Kundencenter Nord und verwalten den Teil der 27.000 Wohnungen der Degewo, der sich in Friedrichshain, Wedding, Reinickendorf, Pankow, Prenzlauer Berg befindet. Das Unternehmen existiert seit 80 Jahren, hat in der Brunnenstraße ein modernes Büro mit gerade erweiterten Öffnungszeiten.
Ich wurde freundlich und umfassend beraten, ließ mir viele Exposés ausdrucken und besichtigte am Ende drei Wohnungen im Wedding, die mir ein brummeliger, lebensweiser Hausmeister an einem kalten Sonntag aufschloss.
Die eingangs erwähnte Glaubensfrage interessierte den Westberliner nicht die Bohne. Als er mich mit dem Degewo-Hausmeister-Auto zur letzten Wohnung chauffierte, erklärte er mir, dass es da nichts zu glauben gäbe. Die zweite Wohnung wäre, das sah man genau, ganz klar meine gewesen, und einen Mitbewohner hat er mir auch gleich verpasst. Ich schüttelte amüsiert den Kopf.
Ich habe sie nicht genommen, die perfekte Wohnung im Wedding mit dem tollen Ausblick, aber in der nächsten Nacht einen sehnsuchtsvollen Traum davon geträumt.
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