Über den Sinn

autorin.jpg

Ich kannte mal einen Herrn, der schämte sich ein wenig für seinen Wohnsitz. Danach gefragt, antwortete er Dinge wie “gleich an der Bernauer Straße, fast Prenzlberg” oder “am Mauerpark, Schönhauser Allee”. Er sagte nie: Ich wohne im Wedding. Als das erste Gespräch dieser Art stattfand, wohnte ich noch in der Kleinstadt am See und verstand nicht, was er meinte. “Ist das nicht Wedding?”, fragte ich blauäugig. Er schaute auf seine Füße.

Vor einigen Tagen fragte mich meine Freundin, warum ich denn nicht zurück in die Kleinstadt ginge, jetzt wo ich ein Baby habe. Da wäre es doch hübscher, grüner, stiller, sicherer, vertrauter. Sie fragte mich, ob ich nicht lieber wieder zurück möchte. Ich hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, was sie ebenfalls wunderte.

Letzte Woche spazierte ich beim zuständigen Quartiersmanagment rein. Dort wurde ich sofort freudig im Kiez begrüßt. Und gefragt, ob ich bewusst hierher gezogen sei. Ich war perplex irgendwie. Was heißt bewusst?

Ich sag mal so: Ich wohne im Wedding (Ich nehme mir vor, auch nicht mehr euphemisierend “südlicher Wedding” zu sagen). Es ist billiger als Prenzlauer Berg. Die Krokusse blühen schön im Humboldthain, ich bin noch nicht überfallen worden und der Nachbar, der mich nervt, ist eindeutig Deutscher, nicht etwa Türke. Ich finde das Treiben vor meiner Haustür, dort befindet sich eine Moschee, interessant und ich bin begeistert über die Öffnungszeiten des türkischen Bäckers. Mehr ist es nicht, aber auch nicht weniger.

Ich bin nicht wegen des Wedding in den Wedding gezogen. Ich kam her, weil ich verliebt war in einen, der hier wohnte. Jetzt lebe ich hier und ich möchte nicht jeden Tag im Morgengrauen verstohlen über die Bernauer Straße nach Mitte oder Prenzlauer Berg huschen. Ich lebe hier und vielleicht arbeite ich irgendwann mal hier – falls man hier irgendwo eine Journalistin gebrauchen kann. Zunächst will ich den Wedding kennenlernen und ich will darüber schreiben. Wer lesen will, den lade ich dazu ein.

2 Kommentare zu “Über den Sinn”

  1. Kormoranflug Says:
    10. May 2009 um 11:20

    Die Weddinger sind lustig und dem Maobeach nahe und sie gehören zu Mitte.
    Mitte von Berlin, das ist doch was.

  2. geraldine hepp Says:
    20. January 2010 um 01:49

    wedding is ein bisschen wie die wiesenburg
    man fragt sich, warum zeigt sich das nicht von der seite, die ich so liebe? öffentlich halt so… und irgendwie ist es aber auch schön, dieses stadium des halb öffentlich halb entdeckten…ich liebe den wedding, meine panke (ich bin stolze soldinerkiezerin) und die böse bornholmer brücke :)
    ich mag deinen blog! :)
    g

Kommentare